Familienleben

Ohne mich! - Die Kolumne

Ohne mich! - Die Kolumne

Unsere Kolumnistin hat einen neuen Job: Rabenmutter!

von Yvonne Meininger

Meine Familie und ich spielen seit ein paar Wochen ein neues Spiel. Es heißt "Rabenmutter" und geht so:

Einer (in diesem Fall ich) ist die berufstätige Rabenmutter, die anderen Spieler müssen versuchen, ihr deswegen ein möglichst schlechtes Gewissen zu machen. Nacheinander zieht jeder Spieler ein Kärtchen und muss das Argument, das darauf steht, zu seinen Gunsten deuten. Wer seine Sache gut macht und die anderen mit seiner Antwort überzeugt, bekommt einen Punkt.

Es geht los. Passen Sie gut auf, falls Sie das Spiel auch bald spielen müssen.


Erste Runde, erstes Kärtchen, erstes Argument: "Die Kinder müssen zu viel Zeit außer Haus verbringen." Zuerst antwortet die Rabenmutter: "Das macht ihnen nichts aus. Sie fühlen sich im Kindergarten und Hort sehr wohl und haben wertvolle, soziale Kontakte."
Gute Antwort. Selbst meine Eltern können nichts dagegen einwenden. Dieser Punkt geht an die Rabenmutter.

1:0 für mich!

Nächster Spieler, neues Kärtchen, neues Argument: "Die Kinder müssen jeden Tag Großküchenessen essen." Jetzt antwortet meine Mutter: "Kinder wollen Zuhause essen, gemeinsam mit der Mutter, die ihnen ihr Lieblingsessen kocht und auf eine gesunde Ernährung achtet." Nicht schlecht argumentiert, aber nicht sachlich genug. Von mir bekommt sie keinen Punkt. Mein Vater findet die Antwort sehr gut und gibt meiner Mutter einen Punkt. Mein Mann enthält sich.

Es steht 1:1!

Neue Runde, jetzt ist mein Vater dran und zieht folgendes Kärtchen: "Berufstätige Frauen vernachlässigen ihren Ehemann." Wer hat denn die Karten so schlecht gemischt? Mein Vater deutet das Argument so: "Männer brauchen und lieben es, wenn sie nach Hause kommen und von der ganzen Familie empfangen werden und ein liebevoll gekochtes, warmes Essen auf dem Tisch steht."

Meine Mutter und ich schauen uns nur vielsagend an und vergeben keinen Punkt für diese mittelalterliche Antwort. Mein Mann stimmt meinem Vater zu und vergibt einen Punkt.

2:1 gegen mich!

Jetzt zieht mein Mann ein Argument-Kärtchen: "Berufstätige Mütter kommen ihren Haushaltspflichten nur ungenügend nach." So ein Mist, Volltreffer! Warum bekommt immer er diese Karte? Ich weiß seine Antwort bereits auswenig: "Seit drei Wochen bitte ich meine Frau, den Knopf an meinem Mantel anzunähen. So kann ich doch nicht rumlaufen."

Für diese geistreiche Argumentation bekommt er einen Punkt von meinem Vater und einen Punkt von meiner Schwiegermutter. Meine Mutter solidarisiert sich mit mir und enthält sich. Ich beantrage, die Spielregeln zu ändern. Wer seine Knöpfe nicht selbst annähen kann, sollte nicht mehr mitspielen dürfen. Antrag abgelehnt.

3:1 gegen mich!

Das Spiel endet in der Regel 4:1 gegen mich. Manchmal auch 6:1! Je nachdem, wer alles mitspielt. Zum Glück ist es nur ein Spiel. In Wirklichkeit finden es alle ganz toll, dass ich wieder mehr arbeite, den Haushalt vernachlässige, die Kinder in Institutionen abschiebe und keine Knöpfe mehr annähe. Behaupten sie zumindest. Ich frage mich nur, warum sie dann immer so verbissen spielen.

Weitere Kolumnen:
No Shopping Today
Mein Haus, dein Haus, unser Haus
Die Locken-Pest